Das Tagebuch von Gift
„Nicht jeder Schatten birgt Gefahr. Aber jede Gefahr wirft einen Schatten.“
Nordend, irgendwann im eisigen Winter.
Ich weiß nicht mehr, wann ich damit begann, meine Gedanken niederzuschreiben. Vielleicht war es in jener Nacht, als ich zum ersten Mal die eisigen Winde Nordends spürte. Vielleicht schon viel früher, als ich noch glaubte, die Welt ließe sich mit einer Klinge, etwas Geschick und einem schnellen Schritt im Schatten bezwingen.
Heute weiß ich es besser.
Azeroth ist kein Ort für Helden allein.
Während Paladine ihre Banner hissen, Krieger ihre Äxte schwingen und Magier ganze Schlachtfelder in Flammen setzen, bewegen wir uns dort, wo niemand hinsieht. Zwischen den Fackeln. Hinter verschlossenen Türen. In den Gassen der großen Städte und auf den dunklen Wegen, die kein Reisender freiwillig betritt.
Wir sind die, deren Namen selten in den Liedern der Barden auftauchen.
Wir sind die Schatten.
Mein Name ist Gift.
Zumindest ist es der Name, unter dem man mich kennt. Ob er mir gegeben wurde oder ob ich ihn mir selbst verdient habe, spielt längst keine Rolle mehr. Manche Namen trägt man wie eine Rüstung. Andere wie eine Warnung.
Ich bin Schurke, Abenteurer und Dieb.
Ich bewege mich dort, wo Fackellicht nicht mehr reicht. Wo ein leises Geräusch über Leben und Tod entscheiden kann und ein Dolch im richtigen Augenblick mehr bewirkt als eine Armee.
Dieses Tagebuch soll meine Reise festhalten.
Nicht nur die großen Schlachten und gefährlichen Dungeons, sondern auch die kleinen Geschichten dazwischen. Begegnungen mit Fremden, Aufträge, die besser nie angenommen worden wären, Nächte in verrauchten Tavernen, verlorene Münzen, gefundene Schätze und jene Momente, in denen man sich fragt, ob der nächste Schritt vielleicht der letzte sein könnte.
Von den Straßen Azeroths bis in die gefrorenen Weiten Nordends.
Von den ersten vorsichtigen Schritten bis zu den Schlachten gegen jene, die über das Schicksal unserer Welt entscheiden wollen.
Vielleicht wird dieses Buch eines Tages gefunden.
Vielleicht von einem anderen Abenteurer.
Vielleicht von jemandem, der wissen möchte, wie es wirklich war.
Und vielleicht wird dieser jemand dann verstehen, dass hinter jeder großen Schlacht unzählige kleine Geschichten verborgen liegen.
Dies ist meine.
Mein Weg durch Azeroth.
Mein Weg durch die Schatten.
Mein Tagebuch.
Ich bin Gift.
Und dies ist der erste Eintrag meiner Geschichte.

